Training und Optimierung: 5 Prinzipien, die ich vom Sport gelernt habe

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In diesem Winter – als ich mit einem intensiven und systematischen Training für Bike-Marathons begonnen habe – habe ich festgestellt, dass mein Hobby mir ein paar gedankliche Fenster geöffnet hat, die ich in meiner täglichen Arbeit nutzen kann. Letztendlich befasse ich mich in beiden Welten mit Optimierung. Hier meine körperliche Leistungsfähigkeit, dort die nutzerzentrierte Conversion-Optimierung bei den Grünen. Ich habe verstanden, dass ich im Training intuitiv 5 Prinzipien folge, die mir bei der geschäftlichen Optimierung sehr hilfreich sein können.

1. Das Prinzip der Systematik

Ad Hoc Training funktioniert nicht! Nach dem „Lust und Laune“-Prinzip zu trainieren ist nicht effektiv. Und am schlimmsten sind übereifrige Trainingssessions: Ertag minimal, Verletzungsrisiko sehr hoch. Langfristig – und beim Ausdauersport-Training geht ausschliesslich um langfristige Ziele – erreicht man eine Optimierung nur, wenn man sie mit System macht. Optimierungspotentiale identifizieren und entsprechende Trainingseinheiten planen und in einen Zusammenhang bringen. Nur so lässt sich ein effektives Training aufbauen.

Was wir bei der täglichen Arbeit oft erleben ist, dass man ohne Zusammenhang drauf los optimiert. Mal da, mal dort. Da noch schnell eine Massnahme umsetzen und halbherzig testen, dort noch was drehen und schrauben. All das ohne Plan oder längerfristiges Ziel. Bei beiden Optimierungsprozessen geht es darum systematisch aufbauend vorzugehen, ausgerichtet auf ein Ziel.

2. Das Prinzip der Messung

Das beste Training der Welt nützt mir nichts, wenn ich meine Leistungsdaten nicht sammle und auswerte. Trainieren im Blindflug macht genauso viel Sinn wie optimieren in eben diesem Modus. Als ambitionierter Sportler hat man meist eine Leistungsdiagnostik gemacht, die einem aufzeigt, wo die Potentiale sind und in welchen Leistungsbereichen trainiert werden soll. Darum auch die Pulsuhr am Armgelenk oder der Wattmesser am Rad. Was die Pulsuhr für den Sportler ist, sind Nutzerdaten aus Analytics Tools für den Conversion-Optimierer. Nur so können Forstschritt und Erfolg sichtbar gemacht werden.

Mit der Messung geht das Setzen von Zielen und Messkriterien einher. Also für mich als Läufer zum Beispiel das Ziel die 15km im aeroben Pulsbereich unter 01:15:00 zu laufen. Das kann ich verifizieren und vergleichen. Und noch wichtiger: Erreichte Ziele und Erfolge motivieren mich unheimlich. Dasselbe muss ich auch tun, wenn ich ein Produkt auf die Nutzerbedürfnisse und die Conversion optimiere. Ich muss quantifizierbare Erfolgskriterien festlegen und messen.

3. Das Prinzip des Grenznutzen

Das Phänomen kennt jeder von uns, der Rennen läuft oder fährt. Den ersten Halbmarathon läuft man vielleicht in 2 Stunden. Man leckt Blut und trainiert ein wenig intensiver. Den zweiten Halbmarathon läuft man dann schon 10 Minuten schneller. Der Ehrgeiz ist geweckt und man geht hin und verdoppelt die Trainingsintensität. Beim nächsten Lauf ist man aber „nur“ 2 Minuten schneller. Jede weitere Minute erfordert einen überproportional höheren Trainingsaufwand. Das Phänomen nennt man Grenznutzen. (Der Begriff stammt ursprünglich aus der Wirtschaftswissenschaft – genaueres bei Wikipedia).

Ich muss also immer abwägen, welchen Nutzen ich mit welchem Aufwand erreiche und ob es mir das wert ist. Das gilt genauso für mich als Sportler wie auch als Optimierer. Wenn man das Prinzip einmal verinnerlicht hat, hat man ein hervorragendes Priorisierungswerkzeug zur Hand, denn alles kann man in den seltensten Fällen machen. Man muss sich auf die Dinge und Massnahmen fokussieren, die am Ende am effektivsten sind.

4. Das Prinzip der Regeneration

Nach hohen körperlichen Belastungen, befindet sich die Muskulatur in einem geschwächten Zustand. Im Laufe der Erholung versucht sich dann der Körper an diese Belastungen anzupassen, das heisst das Leistungsniveau darüber hinaus zu steigern, um in Zukunft nicht mehr so schnell zu ermüden. Sind die Erholungsphasen perfekt abgestimmt, kann sich also ein Muskel nicht nur erholen, sondern auch wachsen. Es kommt auf das Verhältnis von Belastung und Regeneration an.

Regeneration ist für mich der wichtigste Teil des Trainings. Der Körper braucht Zeit, um die Entwicklung zu „verdauen“, sich danach auszurichten, den Stoffwechsel anzupassen und sich aufzubauen. Dasselbe gilt auch für mein Produkt. Wenn eine Optimierung die nächste jagt, kann ich als Unternehmen nicht effizient lernen. Ich kann nur aus Tests relevante Aussagen erzielen, wenn ich ihm eine gewisse Laufzeit zuspreche. Was nützt mir zum Beispiel eine Optimierung am Checkout-Prozess, wenn ich sie eine Woche später weiter optimiere? Habe ich den Impact der Massnahmen analysieren und daraus lernen können? Waren die Aussagen des Tests überhaupt relevant? Amazon bewegt sich meiner Meinung nach hier hart an der Grenze der „Nicht-Regeneration“. Ihr habt es sicherlich auch schon erlebt, dass ihr während einer Session in mehrere A/B-Test rein lauft und euer Warenkorb in einer Session mehrfach anders aussieht. Auch der Nutzer braucht Zeit, Veränderungen zu erlernen und zu adaptieren.

5. Das Prinzip des Hinhörens

Den Spruch, den man als Sportler am wenigsten gerne hört, wenn es plötzlich da und dort zwickt ist: „Du musst auf deinen Körper hören.“ Nichts desto trotz ist er so verdammt wahr! Der Körper gibt mir letztendlich ziemlich klare Zeichen, was gut ist und was weniger, wann Grenzen erreicht sind und wo mehr drin liegt.

Dasselbe gilt für das Optimieren. Hört auf eure Nutzer. Es ist ganz einfach. Sie sagen euch genauso wie der eigene Körper ziemlich klar, was gut ist und was nicht. Was funktioniert und was nicht und wo die Grenzen unserer Optimierungsversuche sind. Wir müssen einfach nur hinhören wollen und offen sein, auch wenn uns die Zeichen manchmal irritieren und nicht in die gedachte Richtung gehen …

Conclusion 🙂

Mir hat der Sport geholfen einige Phänomene zu erklären oder sie durch Analogien anderen zu vermitteln. Es mag vielleicht „hart“ klingen, aber Optimierung ist letztendlich in gewisser Weise Leistungssport: Entweder man macht es richtig oder muss seine Erwartungen runterschrauben.

Marike 18. April 2016 um 16:03

Lustig. Seit ich deinen Post gelesen habe, lässt mich das Thema „Geistige Fitness und Gesundheit“ nicht mehr los. Nach dem schönen Zitat: „Das ist eines der Geheimnisse des Lebens: Die Seele mittels der Sinne und die Sinne mittels der Seele zu heilen.“ Oder auch nach der norddeutschen Weisheit: „Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken.“ Klarheit muss erstmal im Kopf über die Ziele der Optimierung herrschen. Im Kopf fehlt häufig die Verbindlichkeit und der Wille. Das gilt für mich für den Sport genau wie für Unternehmen.

    Elam 19. April 2016 um 08:43

    Was ich bisher in Unternehmen beobachten konnte, ist genau das, was du beschreibst. Im Kopf fehlt der echte Wille. Manchmal ist er aber vorhanden und dann kommt der nächste Aspekt zum Tragen: Duchhaltewillen und langfristige Perspektive. Ist beim Sport auch nicht anders…

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