UX Aufbau reloaded

Conversion Blog
Boris Baldinger

Vor einigen Wochen habe ich die Arbeit bei den Grünen begonnen. Wenn man die Chance erhält etwas, was man schon mal gemacht hat, nochmals zu machen, muss man diese unbedingt beim Schopf packen. Vorher sollte man aber eine ehrliche Selbstreflexion machen und genau analysieren, wo man Böcke abgeschossen hat und wo man Mars-Missionen realisiert hat.

Neuer Versuch, neues Glück

Bei dem ersten UX Aufbau bei den Blauen habe ich enorm viel gelernt, mir die Ellenbogen wund gestossen und auch mal eine blutige Nase geholt. Das Nervenkostüm hat gelitten. Aber es wurden auch Meilensteine zementiert,  Nutzer glücklich gemacht und darauf mit Champus gefeiert. Und plötzlich ist Neuanfang angesagt. Fast so, wie an Silvester. Das Jahr zu Ende und ein neues startet mit ganz neuen Möglichkeiten. Die Chance über die Bücher zu gehen und Learnings in die Tat umzusetzen.

Ich bin kein grosser Anhänger von Vorsätzen. Der Schuss geht meist nach hinten los. „Machen“ muss die Devise sein. Aus dem Gelernten Schlüsse ziehen und ausprobieren. Genau so wollte ich bei den Grünen beginnen. Da kam mir der UX Brunch gerade recht. Ich wurde angefragt, ob ich als Speaker über meine Erfahrungen beim Aufbau von UX in einem Grossunternehmen berichten kann. Ich hab die Gelegenheit genutzt um die vergangenen 3 Jahre Revue passieren zu lassen und meine Volltreffer und Schandtaten zu analysieren.

Do what you can do best

Der grösste Fehler, den ich bei den Blauen begangen habe, ist wohl, dass ich lange und vergeblich nach Modellen und Vorgehensweisen gesucht habe, um UX aufzubauen. Dabei habe ich völlig vergessen, dass ich die Werkzeuge in Form der User Centered Design Methoden bereits im Rucksack habe (sieh Post „Es liegt direkt vor unseren Fusspitzen„). Also bin ich bei den Grünen hingegangen und habe in den ersten 2 Wochen nur Interviews quer durch das Unternehmen geführt. Ich habe versucht zu verstehen, was die Leute bewegt, wie das Unternehmen tickt, wo der Schuh drückt und vor allem was die Erwartung an mich und an die Disziplin UX sind. Fazit: Es gibt keinen besseren Weg sich in ein Unternehmen einzuarbeiten und man hat nach nur 2 Wochen ein ganz gutes Bild davon, welches die Handlungsfelder sind, die man beackern muss. Dazu lernt man sehr viel über die Befindlichkeiten im Unternehmen. Eigentlich so simpel…

Der UX MVP

Bei den Blauen habe ich meist die Dinge mit der grossen Kelle angerührt. Grosse Pläne, grosse Worte, grosse Projekte. Vieles ist gut gegangen, hat aber sehr viel Kraft und Nerven gekostet. Darum will ich bei den Grünen kleine aber effektive Dinge tun. Ich möchte schnell sichtbare Ergebnisse erzielen.

Darum werde ich ausgehend von meiner UX-Strategie einen UX-MVP definieren. Also ein minimales Setup, in dem UX wertschöpfend für das Unternehemen ist und auf dem man aufbauen kann. Das heisst, ich werde versuchen mich auf einige wenige Initiativen zu konzentrieren und diese so schnell wie möglich in sichtbare Ergebnisse umzumünzen.

Es gibt aber auch Massnahmen, die nicht direkt auf ein Projekt einzahlen sondern eher auf Sichtbarkeit und kulturelle Aspekte. Die erste Massnahme dieser Art war, dass ich eine UX Library eingerichtet habe, bestückt mit den Standardwerken der UX Literatur. Abgerundet wurde die Massnahme mit einer Infomail an alle Mitarbeiter, in der ich jedes Buch in einem Satz vorstellte. Die Resonanz hat selbst mich überrascht. Keine 5 Minuten nach dem Versand der Mail, standen die ersten in meinem Büro und beäugten die Bücher. Nach wenigen Tagen waren alle aus dem Regal verschwunden. Ein Mitarbeiter, der das Unternehmen Ende diesen Monats verlässt, hat gar die gesamte UX Library nachbestellt, damit er sie in sein neues, eigenes Unternehmen mitnehmen kann.

Diese Aktion hat mich keine 15 Minuten Aufwand gekostet, aber enorm viel bewirkt, was die Aufmerksamkeit für das Thema UX anbelangt.

Widerständen begegnen

Ein UX Aufbau ist immer ein Change Prozess und man muss mit Widerstand und einigen Hürden rechnen. Bei den Blauen habe ich sehr viel Überzeugnungsarbeit leisten müssen. Nicht selten kam ich mir wie ein Missionar vor, besessen von der nutzerzentrierten Idee, gewillt jeden zu bekehren. Im Nachhinein muss ich zugestehen: Das war enorm aufreibend und nicht wirklich effektiv. Ich denke es gibt zwei wichtige Dinge, die ich tun kann, um Menschen zu überzeugen. Erstens: Ich mache meine Arbeit völlig transparent. Und zweitens: Ich involviere die Leute, anstatt sie nur zu informieren.

Das habe ich vom ersten Tag an bei den Grünen auch so praktiziert. Ich habe sehr früh vor versammelter Mannschaft erzählt, was ich ich so im Sinne habe und nach welchen Prinzipien ich arbeite. Aber eine Massnahme hat wiederum besonders viel positives Feedback generiert. Ich habe angefangen ein UX Tagebuch zu schreiben. Zwar nicht täglich, aber alle paar Wochen schildere ich meine Gedanken und aktuelle Herausforderungen in einem internen Blog. Das hat neben dem Tarnsparenzaspekt noch einen schönen Nebeneffekt. Da meine Kollegen bei den Grünen den Post fleissig kommentieren, entsteht ein Dialog, der auch für die Geschäftsleitung sichtbar ist. So hoffe ich natürlich, dass auch vieles ans Tageslicht kommt, was sonst irgendwo mit Grummeln unter den Teppich gekehrt wurde. Noch so eine kleine Massnahme mit grosser Wirkung!

In der Ruhe liegt die Kraft

Mir ist natürlich bewusst, dass ich auch bei den Grünen einen Change Prozess los getreten habe oder noch werde. Das wird Zeit und sehr, sehr viel Geduld brauchen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Ich bin von Natur aus nicht wirklich mit Geduld gesegnet. Aber man soll ja nichts unversucht lassen. Und da bin ich sogar meiner Linie untreu und mache einen Vorsatz: Ich möchte mit viel mehr Gelassenheit an die Sache gehen. Ganz nach dem Motto: in der Ruhe liegt die Kraft. Ja, es werden sicher weiterhin viele Dinge geschehen, die nicht nutzerzentriert angegangen werden. Man wird viele Entscheidungen nicht aus Nutzersicht fällen. Aber das heisst nicht, dass ich da überall mitmischen muss. Das habe ich bei den Blauen viel zu oft getan und fand mich irgend wann einmal in der Situation, dass ich mich fühlte wie bei dem „Chilbi“-Spiel, wo es darum geht aufpoppende Kasperfiguren mit dem Hammer zu erschlagen. Es werden immer mehr und irgendwann mal dreht man einfach durch 🙂 . Darum versuche ich mich an meine Initiativen zu halten, auch mal eine Fünfer gerade stehen zu lassen und mit gesundem Menschenverstand die Sachverhalte zu betrachten.

UX Brunch

Der Wechsel zu den Grünen hat mir die unglaublich wertvolle Möglichkeit gegeben durch eine Selbstreflexion den zweiten Aufbau von UX anders anzupacken. Der UX Brunch hat dabei geholfen die Gedanken dazu mal zu kanalisieren. Danke dafür! Ich werde auch gerne in einem Jahr einen Zwischenbericht geben. Zwischendurch werde ich auch hier auf diesem Kanal berichten. Euch sei der Anlass wärmstens empfohlen. Und danke allen, die mir nach dem letzten UX Brunch so viel positives Feedback zum Speech gegeben haben! Und Danke Boris Baldinger für die tollen Fotos (s. oben).

By the way: Hier könnt ihr euch noch die Slides zum UX Brunch ansehen:


Céline 12. August 2015 um 19:15

Interessanter Beitrag, Elam! Ich erlebe gerade selbst, dass Transparenz automatisch dazu führt, dass die Leute involviert sind. Seit einiger Zeit veröffentliche ich meine Arbeit im internen Wiki und beobachte seither, dass sich viele Leute aktiv einbringen, indem sie kommentieren, relevante Informationen teilen und konstruktive Kritik liefern. Dadurch, dass sie auf diese Weise in den Prozess involviert sind, sind sie offen für meine Fragen und stehen hinter dem Design.
Die Sache mit der Gelassenheit sehe ich genauso: Ich bin soeben aus dem Urlaub zurückgekommen und habe festgestellt, dass in meiner Abwesenheit die Welt nicht untergegangen ist. Daher habe ich mir vorgenommen, mich künftig weniger aufzuregen und mich stattdessen an kleinen Erfolgen zu erfreuen (z.B. als meine Arbeitskollegin letztens meinte: “I think we should spend more time on design before we start programming.” – YESSS!).
Ich schreiben solche Erfolgserlebnisse und positives Feedback laufend für mich auf. Veränderungen passieren schleichend, und oft hat man (oder auch Management), das Gefühl, noch nicht so viel erreicht zu haben. Mithilfe des “Erfolgstagebuchs” kann ich mir und Management zeigen, dass sich tatsächlich etwas bewegt (und zudem versüsst es Tage, an denen es weniger gut läuft).
Was mich noch Wunder nehmen würde: Aus welchen Büchern besteht denn deine UX Library?

    Elam 13. August 2015 um 10:34

    Schön zu wissen, dass es da draussen Menschen gibt, die die selben Erfahrungen machen. Positive wie negative. Das mit dem „Erfolgstagebuch“ finde ich eine augezeichnete Idee. Ich habe auch schon überlegt mit kleinen UX Diplomen die Wand im Büro zu tapezieren. Jeder Erfolg, ein Diplom. Da kann man das Erreichte gut sichtbar machen, was vor allem im Management oft Wirkung zeigt. Zu deiner Frage mit der Library:

    • Designing for the digital age (Kim Goddwin)
    • 100 Things every designer needs to know about peolpe (Ist am Beliebtesten)
    • This is service design
    • User experience design (Christian Moser)
    • The 5 elements of UCD (J.J.Garrett)
    • Value proposition design
    • The design of everyday things
    • Measuring user experience

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